"Ich wollte eine Chance!"
Wo beginnt 'Mobbing'? - Schwierige Spurensuche beim Fall Rainer Beutler, Ex-Mitarbeiter von VW.
Seit mehr als 12 Jahren liegt Rainer Beutler mit VW im Clinch. Ein psychiatrisches Gutachten attestiert ihm, dass er aufgrund der in diesem Artikel dargestellten Vorkommnisse, die er selbst als 'Mobbing' einstuft und empfindet, mittlerweile arbeitsunfähig geworden ist. In unzähligen Gesprächen und Interviews mit Zeugen (ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten von Rainer Beutler) und mit Journalisten, die mit diesem Fall schon befasst waren, haben wir versucht zu rekonstruieren, in welcher Weise er zum 'Mobbingopfer' wurde und ob man dem Betriebsrat und der Firmenleitung von VW Versäumnisse vorwerfen muss. Wir haben uns entschieden, Herrn Beutler in unserer Darstellung der Vorkommnisse selbst ausführlich zu Wort kommen zu lassen und daher besteht dieser Bericht zu einem großen Teil aus Original-Tondokumenten (mp3-Format). - Neben den Mobbingvorwürfen geht es für Beutler in dem Konflikt mit VW vor allem um entgangene Prämien für von ihm eingereichte Verbesserungsvorschläge, doch dieser Konfliktherd soll nicht Gegenstand dieses Berichts sein.
Beutlers Geschichte war bereits mehrfach Gegenstand der Berichterstattung in regionalen Medien. Eine kurze Übersicht über die in Printmedien erschienenen Berichte finden Sie hier: Zeitungsausschnitte und Dokumente (pdf-Datei,1 MB)
Internetseiten, auf denen sein Fall bisher thematisiert wurde:
Bei main-parteibuch.de - Bei labournet.de - Bei mobbing-zentrale.de - Bei mobbing-gegner.de - Kurze Erwähnung in der taz
Wer ist Rainer Beutler?
 Rainer Beutler (Jg 1950) wurde in Offenbach geboren, verließ im Jahre 1965 die Mittelschule, absolvierte erfolgreich eine Lehre als Kraftfahrzeug-Mechaniker und arbeitete die folgenden fünf Jahre in seinem erlernten Beruf. Im Jahre 1973 nahm er, nach Abschluss einer erfolgreichen Weiterbildung, eine Stelle als Lokführer bei der Deutschen Bundesbahn an. - In Abendkursen und Wochenendseminaren ließ er sich in seiner Freizeit zum KfZ-Meister ausbilden und legte im Jahre 1978 die Meisterprüfung ab, im Jahre 1980 dann auch die Meisterprüfung zum Maschinenbau-Meister. Im Jahre 1985 sollte er von der Bundesbahn in die Nähe von Frankfurt versetzt werden. Beutler wollte keinen Wohnortwechsel und bewarb sich daher bei verschiedenen Firmen in seiner Region um eine neue Stelle, u. a. auch an VW. Im Juni 1985 stellte VW ihn als 'Anlagenführer' (Hilfsarbeiter) ein. Befragt zu dem auffälligen Umstand, dass er mit einem zweifachen Meister für diese Hilfsarbeiter-Tätigkeit doch eigentlich weit überqualifiziert gewesen sei, antwortete Beutler uns: "Ich habe gedacht, wenn man gute Arbeit leistet, dass man sich dann hocharbeiten kann." Man muss dazu wissen, dass auch viele andere Mitarbeiter bei VW mit ähnlicher Qualifizierung nur als 'Hilfsarbeiter' eingesetzt waren und sind.
Der Mobbingvorwurf und seine schwierige Konkretisierung
Der Mobbingvorwurf, den Beutler gegenüber Kollegen und Vorgesetzten bei VW erhebt, bezieht sich auf Vorgänge aus den Jahren 1989 bis 1996. Seine Vorwürfe konzentrieren sich auf drei Personen: Den Kollegen Bernd Fischer sowie die beiden Vorgesetzten Rüdiger Moehrke und Ralf Brandau.
Im Rahmen eines ausführlichen mehrstündigen Interviews haben wir Herrn Beutler gebeten, seine Mobbingvorwürfe zu konkretisieren. Hier eine kurze Zusammenfassung, die auch Aussagen von Kollegen mit einschließt:
Aufgrund seines Könnens und seines Fachwissens leistete Beutler erwiesenermaßen sehr gute Arbeit und wurde als Fachkraft von Kollegen und Vorgesetzten sehr geschätzt. - Vier Jahre nach seiner Einstellung bei VW, im Jahre 1989, wurde eine kleine Werkstatt neu aufgebaut, und Beutler wurde gefragt, ob er in dieser Werkstatt mitarbeiten wolle. In dieser Werkstatt arbeitete Beutler in der Folge mit einem Kollegen namens Bernd Fischer zusammen, geleitet wurde die Werkstatt von einem Meister namens Rüdiger Moehrke. Schon sehr bald hatte Beutler den Eindruck, dass Meister Moehrke den Kollegen Fischer bevorzuge. Nach Darstellung Beutlers ging die Bevorzugung so weit, dass Kollege Fischer Vorgesetzten gegenüber für Arbeiten belobigt wurde, die in Wahrheit Beutler erledigt hatte. Beutler unterstellte in dem mit dem Beschwerdezentrum geführten Interview sogar, dass von ihm persönlich ausgeführte Arbeiten unter dem Namen seines Kollegen ins sog. 'Schichtbuch' eingetragen worden seien, was eine Art Betrug darstellen würde. In dem folgenden Ausschnitt aus dem Interview schildert Beutler die angedeuteten Umstände aus seiner Sicht: Interviewausschnitt 1 (mp3, 26 Minuten, 18 MB)
Der Interviewausschnitt veranschaulicht, wie sehr Beutler die Art, wie sein Kollege Fischer ihn behandelte bzw. mit Billigung seines Vorgesetzten Moehrke behandeln durfte, kränkte. Wenn seine Darstellung nicht nur den subjektiv empfundenen, sondern auch den objektiven Tatsachen entspricht, dann kann man dieses Gefühl des Gekränkt-Seins sehr gut verstehen. Ob diese Vorkommnisse als 'Mobbing' eingestuft werden können, ist allerdings eine andere, für uns offene Frage. Dafür spricht: Mehrere Zeugen (ehemalige Kollegen und Vorgesetzte von Beutler) haben uns in (teilweise vertraulichen) Interviews bestätigt, dass es 'offensichtlich' gewesen sei, dass Moehrke Fischer vorgezogen habe. Dagegen spricht u. a.: Keiner der Zeugen konnte aufgrund eigener Erfahrung diesen allgemeinen Vorwurf konkretisieren oder gar bestätigen, dass die Bevorzugung so weit ging, dass Arbeiten, die von Beutler erledigt worden waren, seinem Kollegen Fischer zugeschrieben wurden und dieser dafür sogar wirtschaftliche Vorteile in Form eines höheren Gehalts hatte.
Möglicherweise hatte Beutler einfach das Pech, mit Moehrke an einen Vorgesetzten geraten zu sein, mit dem 'die persönliche Chemie' nicht stimmte und der daher nicht bereit und/oder in der Lage war, Beutlers Qualitäten angemessen zu würdigen. Das zeigt sich auch an einem von Beutler beschriebenen Konflikt, bei dem es um die Betreuung von Lehrlingen ging: Der Leiter der Abteilung Coaching (Ausbildungswerkstatt), zuständig für die Ausbildung von Lehrlingen, musste sich (wie es scheint, gegen den Widerstand von Moehrke) persönlich dafür einsetzen, dass Beutler, der offenbar zur allgemeinen Zufriedenheit die Lehrlinge betreute (die bei ihrem 'Rundgang' durch die verschiedenen Abteilungen auch in seine Abteilung kamen), dafür auch angemessen entlohnt wurde. Mit anderen Worten: Es bedurfte der Intervention eines aus einer anderen Abteilung stammenden Meisters, dass Beutler für eine Sonderaufgabe auch den ihm zustehenden zusätzlichen Lohn bekam. So jedenfalls stellt Beutler diese Sache dar (siehe dazu den Interviewausschnitt mit Rüdiger Moehrke weiter unten). Den entsprechenden Ausschnitt aus dem Interview mit Beutler finden Sie hier: Interviewausschnitt 2 (mp3, 14 Min, 10 MB). In diesem Interviewausschnitt wird gleichzeitig aber auch wieder die Schwierigkeit deutlich, als Außenstehender im Einzelnen zu verstehen, was mit einem von Beutler geäußerten Vorwurf genau gemeint ist und in welchem Umfang dieser Vorwurf von ihm wirklich berechtigt ist. Nicht jeder Vorgang, den man als Arbeitnehmer als persönlich kränkend empfindet, ist als 'Mobbing' einzustufen.
Ähnlich ist die Situation im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Unterabteilungsleiter Dipl.-Ing. Ralf Brandau. Auch hier bestätigen mehrere Zeugen, dass Beutler bei Brandau keinen leichten Stand gehabt habe. Einer seiner ehemaligen Kollegen hat sogar eine Eidesstattliche Versicherung abgegeben und darin festgehalten, Brandau habe ihm gegenüber mehrfach geäußert, Beutler 'fertig machen' zu wollen und dabei seine guten Beziehungen zur Werksleitung auszunutzen (die Eidesstattliche Versicherung können Sie hier Eidesstattliche_Versicherung.gif nachlesen). Angesichts eines solchen Vorwurfs waren wir in dem Interview natürlich sehr gespannt, Einzelheiten zu erfahren. Als wir Beutler jedoch baten, seinen Mobbingvorwurf gegen Brandau zu präzisieren und zu konkretisieren, blieben die Antworten seltsam unbestimmt. Das wird auch schon deutlich in dem Interviewausschnitt, zu dem im obigen Absatz bereits verlinkt wird. Gleich zu Beginn dieses Ausschnitts bitten wir Beutler, uns zu beschreiben, wann es zu einem ERSTEN Konflikt mit Brandau gekommen sei. Seine Antwort hat dann allerdings mit Brandau überhaupt nichts zu tun: Er antwortet mit einer Beschreibung des Konflikt um die Betreuung der Lehrlinge (siehe oben). Der Zuhörer muss den Eindruck gewinnen, dass Beutler auf Anhieb keine konkreten Mobbinghandlungen eingefallen sind, die er Brandau vorwerfen könnte.
Nach der Schilderung des Konflikts um die Betreuung der Lehrlinge kommen wir in unserem Interview mit Beutler erneut auf das Thema Brandau zurück und bitten erneut um Konkretisierung des Mobbingvorwurfs gegen Brandau. Beutlers Antwort auf diese Frage haben wir in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil seiner Antwort geht es um eine verweigerte Lohnerhöhung (den entsprechenden Interviewausschnitt können Sie hier herunterladen: Interviewausschnitt 3, mp3, 12 Min, 8 MB). Im zweiten Teil geht es um eine verweigerte Beförderung (Beutler bewarb sich um die Stelle, die bis dahin sein Ex-Vorgesetzter Moehrke eingenommen hatte, da Moehrke versetzt wurde - den entsprechenden Interviewausschnitt können Sie hier herunterladen: Interviewaussschnitt 4, mp3, 22 Min, 15 MB). In diesem zweiten ausführlicheren Ausschnitt wird ein klein wenig deutlicher, was Beutler mit dem Wort 'Mobbing' vermutlich meint.
Es macht den Eindruck, als gehe Beutler mit dem Begriff 'Mobbing' etwas unvorsichtig um, als kennzeichne er Vorkommmisse mit diesem Wort, die im engeren Sinne nicht unter diesen Begriff fallen. In einem Interview gibt der von Beutler als Zeuge für seine Vorwürfe benannte Ex-Kollege Kai Kraus denn auch zu bedenken, dass der Begriff 'Mobbing' möglicherweise zu stark gewählt und für die Vorkommnisse nicht ganz angemessen sei. Es sei seiner Überzeugung nach zwar zu Zurücksetzungen und Kränkungen gekommen und es sei für ihn deutlich spürbar gewesen, dass Beutler allzu oft nicht fair behandelt worden sei, doch all dies sei im engeren Wortsinn vermutlich nicht als 'Mobbing' einzustufen. Jedenfalls sah Kraus sich, ähnlich wie auch Beutler selbst, außerstande, auf Nachfrage den Mobbingvorwurf zu konkretisieren und entsprechende 'Täter' zu benennen.
Die Vorwürfe aus der Sicht der von Beutler Beschuldigten
Das Beschwerdezentrum hat sowohl Ralf Brandau als auch Rüdiger Moehrke zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen befragt. Brandau antwortete auf die Frage, wie er den Konflikt mit Beutler empfunden habe: "Es gab keinen Konflikt!" Konfrontiert mit der Eidesstattlichen Versicherung von Herrn Reuters antwortete er: "Soetwas habe ich nie gesagt!"
Rüdiger Moehrke (Jg 1942), mittlerweile im Ruhestand, äußerte sich etwas ausführlicher zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Seiner Meinung nach sind die seitens Beutler erhobenen Vorwürfe ihrerseits als 'Mobbing' einzustufen. In dem folgenden Ausschnitt aus dem Interview, das wir mit ihm geführt haben, schildert Moehrke seine Sicht: Interview mit Rüdiger Moehrke (mp3, 14 Min, 9 MB).
Die Rolle des Betriebsrats und der Mobbingbeauftragten
Frau Renate Müller ist Mobbingbeauftragte beim Betriebsrat von VW. Sie war leider zu einem Interview mit dem Beschwerdezentrum nicht bereit.
In einem der in diesem Artikel vorgestellten Interviewausschnitte berichtet Beutler, dass er sich erstmals im Jahre 1994 mit Frau Müller in Verbindung gesetzt habe. Nach Beutlers Aussage gab es in der Folge eine Fülle von Gesprächen, bei denen es um zwei Themenbereiche ging: Aufarbeitung der Vergangenheit, also Auseinandersetzung mit seinen 'Mobbingvorwürfen' (die Vorkommnisse, die Beutler als Mobbing empfand, waren zu dem Zeitpunkt der Gespräche mit Frau Müller überwiegend ja bereits Vergangenheit) sowie sein Beförderungswunsch (Beutler: "Ich wollte eine Chance!"). Im Jahre 1996 wollte Beutler nach den vielen (in seinen Augen ergebnislosen) Gesprächen endlich konkrete Ergebnisse sehen und drängte Frau Müller, die Personalabteilung in die Gespräche einzubeziehen. Herr Schotte von der Personalabteilung nahm nach Aussage Beutlers die Mobbingvorwürfe zunächst sehr ernst und hörte dazu alle von Beutler benannten Zeugen. Die dazu notwendigen Gespräche sollen sich allerdings über Jahre hingezogen haben. Erst im Jahre 2001 soll Beutler auf sein Drängen hin dann eröffnet worden sein, dass sich der Vorwurf des Mobbing bei der internen Überprüfung seiner Vorwürfe nicht habe erhärten lassen. Außerdem soll ihm emfpfohlen worden sein, einen Psychiater aufzusuchen. Ein daraufhin von Beutler angestrengtes Gerichtsverfahren endete mit einem Vergleich [vergleich.gif], in dem Beutler sich verpflichtete, den Mobbingvorwurf nicht weiter zu erheben. Den Interviewausschnitt zu diesem Themenkomplex finden Sie hier: Interviewausschnitt 5 (mp3, 10 Min, 7 MB).
Dr. Peter Niehenke
6. September 2006
P.S.:Wir haben Herrn Beutler den Artikel selbstverständlich vor der Publikation vorgelegt und ihn gebeten, etwaige Unrichtigkeiten zu korrigieren. Wir haben ihm außerdem das Recht eingeräumt, eine Stellungnahme zu dem Artikel zu verfassen, die wir an dieser Stelle (also am Ende des Artikels) publizieren würden. In einer telefonischen Stellungnahme (mp3, 90 Sekunden, 1 MB) teilt Beutler uns mit, dass er mit dem Artikel sehr unzufrieden sei und mit einer Veröffentlichung nicht einverstanden sei.
Hinweis: Klinik für Mobbing-Opfer
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